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A. Haug, Handwerkerszenen auf athenischen Vasen des 6. und 5. Jh. v. Chr.: Berufliches Selbstbewußtsein und sozialer Status, JdI 123, 2011, 1–31

A. Haug, Handwerkerszenen auf athenischen Vasen des 6. und 5. Jh. v. Chr.: Berufliches Selbstbewußtsein und sozialer Status, JdI 123, 2011, 1–31
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  J AHRBUCH DES D EUTSCHEN A RCHÄOLOGISCHEN I  NSTITUTS BAND 126 · 2011 PDF-DATEI SEITE 1 – 31 Annette Haug HANDWERKERSZENEN AUF ATTISCHEN VASENDES 6. UND 5. JHS. V. CHR. B ERUFLICHES  S ELBSTBEWUSSTSEIN   UND   SOZIALER   S TATUS © Deutsches Archäologisches InstitutDer Autor / die Autorin hat das Recht, für den eigenen wissenschaftlichen Gebrauch unveränderte Kopien von dieser PDF-Datei zu erstellen bzw. das unveränderte PDF-File digital an Dritte weiterzuleiten. Außerdem ist der Autor / die Autorin berechtigt, nach Ablauf von 24 Monaten und nachdem die PDF-Datei durch das Deutsche Archäologische Institut der Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich gemacht wurde, die unveränderte PDF-Datei an einem Ort seiner / ihrer Wahl im Internet bereitzustellen. DE GRUYTER · BERLIN · BOSTON2012  JAHRBUCH DES DEUTSCHEN ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTSerscheint seit 1886JdI 126, 2011 · IV, 262 Seiten mit 157 Abbildungen und 12 TafelnHERAUSGEBER Ortwin Dally und Ulrike Wulf-RheidtDeutsches Archäologisches InstitutZentralePodbielskiallee 69–7114195 BerlinDeutschlandwww.dainst.orgWISSENSCHAFTLICHER BEIRATMarianne Bergmann, GöttingenAdolf H. Borbein, BerlinAngelos Delivorrias, AthenLuca Giuliani, BerlinPierre Gros, Aix-en-ProvenceLothar Haselberger, PhiladelphiaHenner von Hesberg, RomTonio Hölscher, HeidelbergEugenio La Rocca, RomAnthony Snodgrass, Cambridge Verantwortlicher Redakteur: Hans Rupprecht Goette, Deutsches Archäologisches Institut, Zentrale BerlinRedaktion: Wissenschaftslektorat Löwe/Schulte-Beckhausen, BerlinHerstellung der digitalen Bildvorlagen: Catrin Gerlach, Deutsches Archäologisches Institut, Zentrale Berlin ISBN 978-3-11-030268-4ISSN 0070-4415  Bibliograsche Information der Deutschen Nationalbibliothek  Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen  Nationalbibliografe; detaillierte Daten sind im Internet  über http://dnb.d-nb.de abrufbar.© 2012 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/BostonProduktion: stm media GmbH, druckhaus Köthen GmbH Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germanywww.degruyter.com  HANDWERKERSZENEN AUF ATTISCHEN VASEN DES 6. UND 5. JHS. V. CHR. B ERUFLICHES  S ELBSTBEWUSSTSEIN   UND   SOZIALER   S TATUS von Annette Haug Im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen steht die Frage nach der visuellen Konzeption von sozialem Status. Mit den Handwerkerdarstellungen auf attischen Vasen des 6. und 5. Jhs. v. Chr. wird ein Bildmaterial gewählt, das thematisch in sich geschlossen ist und aufgrund seines Sujets die Thematisierung sozialer Aspekte erwartbar macht. An einem Beispiel aus Vicenza (Abb. 1) soll zunächst das methodische Vorgehen entwickelt werden.Das Bild zeigt drei männliche Vasenmaler und eine Frau bei der Arbeit an Gefäßen. Im Bildmittelpunkt ist ein Maler im Hüftmantel dabei, einen Riesen-Kantharos zu bemalen. Er sitzt auf einem aufwendigen Klismos, ist größer als die anderen Maler dargestellt und wird von Athena bekränzt. Athena handelt hier als Athena Ergane und nobilitiert das Werk. Der Maler in seinem Rücken arbeitet an einem Volutenkrater, ist nackt, sitzt auf einem einfachen Schemel und wird von Nike bekrönt. Der Maler vor ihm fertigt einen Kelchkrater und trägt dabei eine Chlamys. Auch er sitzt auf einem kleinen Hocker und wird von Nike bekrönt. In allen drei Fällen wird so der Schaffensakt von Göttinnen begleitet. Die Frau am rechten Bildrand erscheint wie die männlichen Kollegen beim Bemalen eines Gefäßes – in diesem Fall eines Volutenkraters. Sie trägt Chiton und Himation und hat auf einem Diphros Platz genommen. In dem Bild überlagern sich verschiedene Aspekte der Wirklichkeitskonzeption.Auf einer ersten Ebene liegt die detailreich-abbildhafte Charakterisierung des Schaffens- prozesses selbst. Dies bedeutet etwa, daß die von den Malern bearbeiteten Vasenformen mit großer Exaktheit dargestellt werden und sich gut mit erhaltenen Gefäßformen vergleichen las-sen. Die Detailtreue der Darstellung dient einer rühmenden Repräsentation des Berufsstandes.Auf einer zweiten Ebene liegt die Charakterisierung der Handwerker selbst. Sie unterschei-den sich in ihrer Körpergröße, ihrer Haltung, ihrem Sitzmöbel und ihrer Kleidung. Der Maler im Bildzentrum ist deutlich größer als die anderen Handwerker dargestellt. Er sitzt aufrecht auf einem repräsentativen Klismos, während die Frau auf einem weniger aufwendigen Di- phros Platz genommen hat und die beiden anderen Maler auf niedrigen Schemeln hocken. Der Maler im Bildzentrum ist folglich durch die Darstellungsgröße, die aufrechte Haltung und das Sitzmöbel gegenüber den beiden auf Schemeln sitzenden Malern eindeutig hervorge-hoben. Diese Hierarchie wird bestätigt durch die Kleidung der Akteure. Der herausgehobene Maler trägt einen Hüftmantel, während von seinen beiden Kollegen einer nackt ist, der andere eine Chlamys trägt. Haltungsschemata und Attribute der Handwerker sind offensichtlich mit unterschiedlichen Wertigkeiten belegt. Entscheidend ist dabei der Umstand, daß diese attri- butive Charakterisierung der Protagonisten symbolisch zu verstehen ist: Einen Klismos wird man in einer Werkstatt kaum angetroffen haben, zudem werden die Handwerker eine einfache  A  NNETTE  H AUG 2Kleidung getragen haben 1 . Es geht folglich nicht um eine abbildhafte Charakterisierung der Handwerker, sondern um den Entwurf einer sozialen Differenzierung innerhalb einer Werk-statt.Mit der Darstellung der Götter wird eine dritte Ebene ins Bild eingeführt. Indem sie die menschlichen Handwerker bekränzen, werden der hohe Wert und die Qualität der Arbeit un-terstrichen. Aber mehr noch: Die Leistung der Handwerker wird mit einem Kranz bedacht, der eigentlich als Siegespreis bei Agonen verliehen wird. Das Handwerk wird im Bild folglich als eine agonale Praxis konzipiert 2 . Indem Athena den herausgehobenen Maler in der Mitte  bekränzt, seine männlichen Kollegen jedoch nur von Nike bekrönt werden und die Frau über-haupt keinen Kranz erhält, stehen die Götter für die Richtigkeit der sozialen Hierarchie.An dem Fallbeispiel ist deutlich geworden, daß sich in Werkstattbildern mehrere Modi der Wirklichkeitskonzeption überlagern. In der Forschung ist dieser Umstand nie benannt wor-den. Die große Mehrzahl der Untersuchungen – zuvorderst die Studien von Gisela Richter  3 , Iulius Ziomecki 4 , Ingeborg Scheibler  5  und Gerhard Zimmer  6  – haben die abbildhafte Ebene der Darstellungen zur Grundlage der Interpretation gemacht und die Werkstattbilder als eine 1 Auch Himmelmann (1994, 39) und Chatzidimitriou (2005, 133) halten Nacktheit in den Handwerkerbildern für ein unrealistisches Element; anders allerdings Hannah 1998. 2 Das Epigramm des Paionios unter der Nikestatue für die Messenier und Naupaktier in Olympia nimmt auf einen solchen Künstlerwettbewerb Bezug; siehe Harder 1954, bes. 197; Philipp 1990, 82. 3 Richter 1923, 6480. 4 Ziomecki 1975, 88–116. 5 Scheibler 1995, 73–107. 6 Zimmer 1982; Zimmer 1990. Abb. 1. Vicenza, Banca Intesa (früher Mailand, Slg. Torno): Hydria  H ANDWERKERSZENEN   AUF   ATTISCHEN  V ASEN 3 Quelle verstanden, um antike Herstellungsprozesse zu rekonstruieren. Dies hat zwar zu wich-tigen Ergebnissen für das Verständnis der Produktionsprozesse geführt, dadurch ist jedoch nur eine Bedeutungsebene der Bilder erschlossen worden.Um die soziale Stellung der Handwerker geht es in den Arbeiten von Hanna Philipp und Christian Meier, die für ihre Überlegungen auch auf Handwerkerdarstellungen zurückgreifen 7 . Insbesondere Philipp identiziert in den Bildern verschiedene Rollen – einfache Gesellen und Werkstattbesitzer, ohne jedoch eine konsequente ikonographische Analyse vorzunehmen 8 . Nikolaus Himmelmann untersucht die Handwerkerdarstellungen im Hinblick auf ihre Rea-lität und meint damit eine soziale Realität – also letztlich die soziale Rollencharakterisie-rung 9 . Er greift einzelne Handwerkerbilder heraus und kommt zu dem Schluß, daß neben negativ-banausischen Charakterisierungen auch Darstellungen stehen, die Handwerker als aktive Vollbürger repräsentieren 10 . Banausische und bürgerliche Formeln kennzeichnen nach Himmelmann folglich eine ambivalente Form der Selbstdarstellung – auch wenn seine Studie auf die banausischen Elemente fokussiert. Daß sich die verschiedenen Charakterisierungs-möglichkeiten jedoch auf unterschiedliche Akteure verteilen, also keine homogene Handwer-kergruppe vorgeführt wird, ist bei Himmelmann kein Thema. Auch Herrmann Pug hat sich in einem Artikel ausgehend von der sog. Erzgießerei-Schale mit Handwerkerdarstellungen beschäftigt 11 . Er negiert, daß die Darstellungen überhaupt eine soziale Realität einfangen, und postuliert, daß in den Handwerkerszenen attische Bürger im Gewand der Handwerker charakteristische bürgerliche Werte zur Schau stellen. Diese an ei-nem einzelnen Gefäß entwickelte Annahme hat jedoch nicht die Handwerkerikonographie als Ganze im Blick.Auf die verschiedenen Modi der Handwerkercharakterisierung hat erstmals im Rahmen einer grundsätzlichen Betrachtung von Bildformeln Burkhard Fehr hingewiesen 12 . Eine syste-matische Untersuchung aller Darstellungsformeln, die für die Repräsentation von Handwer-kern eingesetzt werden, steht indes aus.Im folgenden soll das Verständnis der Handwerkerszenen auf eine breitere Basis gestellt werden, indem sämtliche Handwerkerdarstellungen Berücksichtigung nden. Unter Hand -werkerszenen werden dabei diejenigen Darstellungen verstanden, die im engeren Sinn die  professionelle Herstellung von Handwerksprodukten zeigen. Besonders häug sind Darstel -lungen von Töpfern, Malern und Schmieden, hinzu kommen vereinzelt auch Bilder von Tisch-lern, Bildhauern und Schustern. Darüber hinaus ließe sich die Analyse auf die Herstellung von landwirtschaftlichen Produkten wie Wein, die häusliche Produktion von Textilien oder den Handel und Vertrieb von Produkten ausdehnen 13 . Die grundsätzliche Funktion der Bildspra-che wird aber bereits bei einer systematischen Auswertung der Handwerkerszenen im engeren Sinn deutlich. Im Mittelpunkt soll dabei die Frage nach der visuellen Konstruktion sozialer Identität stehen. Das Fallbeispiel hat für diese Fragestellung bereits die methodische Richtung gewiesen, indem deutlich geworden ist, daß durch die Kombination von Haltungsschemata und Attributen eine soziale Differenzierung erreicht wird.  7 Philipp 1990; Meier 1986, bes. 63 f.  8 Philipp 1990.  9 Himmelmann 1994. 10   Himmelmann 1994, 29. 11 Pug 2006. 12 Fehr 2000, 114 f. 13   Mit dieser Eingrenzung des Materials auch Ziomecki 1975, 9.
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